Das designkapitalistische Manifest

Johannes Siegmund

1. Der Designkapitalismus durchsetzt die Welt mit Interfaces.

Der Designkapitalismus sucht Lücken, interpretiert sie als Schnittstellen und erstellt anschmiegsame Plattformen. Sein mächtiger Slogan lautet: „Mind the gap – and fill it with an interface!“Die Interfaces des Designkapitalismus sollen jeden Bruch kitten, jede Leerstelle füllen und jeden Widerspruch vermitteln können. Sie versprechen eine  umfassende Kommunikabilität der Welt. „Da die Welt aus biologischen, binären, sprachlichen oder gestischen Informationsströmen besteht, ist jedes Problem letztlich ein Kommunikationsproblem.“, behauptet der Designkapitalismus, „und wer wäre
besser dazu geeignet Kommunikationsprobleme zu lösen, als das Design?“

 

2. Design synthetisiert; Es soll die Gegensätze von Natur und Kultur, Subjekt und Objekt, Individuum und Gesellschaft, Mann und Frau, Außen und Innen vermitteln.

Design schwingt sich sanft über abgründige Widersprüche. Sein Versprechen ist ein passendes Interface für jeden Bruch. Natur und Kultur werden in den neoorganischen Formsprachen der Designprogramme ebenso versöhnt wie in hybriden  Werkstoffen.Design hat das Alleinsein abgeschafft, es vernetzt uns jederzeit global und bindet uns an andere Menschen und Dinge. Das Kommunikationsdesign der social media wurde sogar für den arabischen Frühling verantwortlich gemacht: Selbst für den gewaltigen Bruch der Revolution soll es das passende Interface geben.Design ist ein generalisiertes Kommunikationsmedium, so wie Geld oder Liebe, nur größenwahnsinniger, unendlicher. Design verspricht eine grenzenlose Kommunikabilität der Welt, indem es passende Anschlüsse vermehrt und unpassende verhindert. Es ist realistischer und kühler als die Liebe und es ist materieller,
vielseitiger und ganzheitlicher als das Geld. Philosophisch gesehen liefert das Design eine Antwort auf die uralte Dialektik von Materie und Form. Materie und Form werden zu materiellen Informationsströmen verschmolzen, die  sich in einer komplexen, kosmischen Verwirbelung zur Welt formen.

 

3. Interfaces filtern das Chaos zur menschlichen Welt.

Das Hintergrundrauschen, die „blooming, buzzing confusion“ der freien, unorganisierten Ströme, wird mit Hilfe von Interfaces zu menschlich begreifbaren Informationen verarbeitet. Die Empfindsamkeit der Interfaces entscheidet über Ein- und Ausschluss und erzeugt so Information. Ihre semipermeablen Membranen wurden von der Natur erfunden und sind durch die Kommunikationstechnologien und die
Erfindung neuer Materialien ubiquitär geworden.Das Gesicht war lange Zeit das paradigmatische Interface, der menschliche Ort des Austauschs zwischen Innen und Außen, voll sinnlicher, semipermeabler Öffnungen. Doch es ist recht begrenzt in
seiner Aufnahmekapazität. Das paradigmatische Interface ist heute die Suchmaschine. Hinter der Suchmaske arbeitet ein empfindsames Computergesicht, durch das  unmenschlich viel Welt fließt. Bei aller Konnektivität, die durch Interfaces entsteht, darf nicht vergessen werden, dass sie genauso trennen wie verbinden. Interfaces sind immer halbdurchlässig. Passendes wird verbunden und Nichtpassendes wird getrennt. Konfrontationen und Konflikte werden vermieden und unsere Welten runden sich. Exemplarisch dafür kann die social media stehen, die das, was uns gefällt anzeigt und
das, was uns nicht gefällt unterdrückt. Angeschlossen an die gewaltigen Interfaces leben wir in unseren Filterbubbles umgeben von smarten Kaufoptionen und smarten Bekanntschaften.

 
4. Die Operation der Interfaces ist das Skalen, das Vermitteln zwischen Großem und Kleinem, Globalem und Lokalem, Allgemeinem und Besonderem, Vergangenheit und Zukunft.

Wie die Physik versucht, die Relativitätstheorie der riesigen Zeiten und Körper mit der Quantentheorie der kleinsten Körper zu synthetisieren, so arbeiten die Interfaces zwischen den Ebenen. Interfaces sind multiskalar, sie verbinden Ebenen verschiedener
Größenordnungen. Ihre Bewegung ist das Zoomen ins Riesige, sei es mikroskopisch klein oder makroskopisch groß. Interfaces bearbeiten die Logiken verschiedenster Ebenen, Netzwerke und Medien und verteilen die gewonnen Informationen wieder. Das Skaling ist die Antwort auf Problem der Unvereinbarkeit von unterschiedlichen Logiken und Größenordnungen. Individualität und Allgemeinheit werden nicht mehr über die
standardisierte Massenkultur verbunden, sondern über singularisierte Zuschnitte, die ausgehend von Big Data individuelle Lösungen errechnen.

 
5. War das 20.Jh. vom Paradigma der Codes geprägt, wird das 21.Jh. vom Paradigma der Epiformation geprägt werden.

Relevant ist nicht mehr, was in den Formen liegt, sondern, was direkt an den Formen andockt, was sie steuerbar macht. Relevant für die Epiformation ist weniger der Inhalt, es sind vielmehr die Marker, die über die Durchlässigkeit einer Form durch die semipermeablen Membranen der Interfaces entscheiden. Epiformationen zielen auf die Versammlung und Verschaltung von Interfaces. Wie die Epigenetik sich vom vereinfachten Bild des organischen Lebens als reproduzierbarem Code gelöst und sich den materiellen Markern zugewandt hat, die die Verarbeitung der DNA erst ermöglichen, wird sich die Epiformation von den Codes lösen und sich auf die Ränder und die
Materialität der Informationen konzentrieren. War für die Codes der Inhalt wichtig, ist für die Epiformation die Verbindung zu anderen Interfaces tragend: Woran lässt sich diese Form binden? Wie soll sie ausgelesen werden? In was lässt sie sich transformieren? Wo hinein wird diese Information als nächstes geleitet?Die computisiert-biologischen Plattformen des 21.Jh. suchen nicht mehr nach neuen Codes, sondern nach den
Verschaltungsmöglichkeiten, den Orten für neue Interfaces und den Anbindungen an Bestehende. Epiformation zielt auf universale und singuläre Verbindung durch Interfaces. Inhalte werden durch ihre massive Verbreitung und automatisierte Erzeugung zunehmend obsolet. Macht besitzen deshalb nicht diejenigen, die Inhalt erzeugen, sondern die Besitzer_innen der Plattformen, in denen Inhalte eingebettet werden. Die großen Internetplattformen zeigen, wie sich aus der Epiformation Gewinn
schöpfen lässt. Die Verbindung der Brüche zwischen den Interfaces ist der viel versprechende Wachstumsmarkt des Designkapitalismus.Affekt wird daher für die Menschen bedeutsam, als ein Marker, als eine Randzone der Zeichen, die über ihre weitere Verwendung bestimmt. Emoticons durchziehen die Konversationen und nehmen
farblich und präsentativ die Interpretationen der Inhalte vorweg. Spannend und gewinnbringend sind nicht mehr die Auslegungen eines Codes, sondern die Tags, die Emoticons und die anderen Anhängsel, die über ihre instantane Vernetzung entscheiden. Auf der Ebene der Maschinen entsprechen den Emoticons Cookies und andere Marker, die über die Weiterverteilung der Codes entscheiden.Die Kultur der Epiformation ist die Kultur des Nächsten, der Improvisation mit Formen, die immer neu und anders kontextualisiert werden. Es gibt schlicht keine Zeit mehr für Reflexion, Hermeneutik und Kritik. Die Formen werden nicht ausgelegt, geprüft und auf sich selbst gewendet, sie werden für den nächsten Kontext anschlussfähig gemacht.Paradoxie und Widersprüchlichkeit sind daher kein Kriterium für die Epiformation. Wichtig ist nur, ob die richtigen Anschlüsse erzeugt werden, d.h. ob eine Form in möglichst vielen  bzw.
den erwünschten Kontexten funktioniert.Der moralische Leitcode hat sich von gut/schlecht zu geil/langweilig verschoben. Relevant in der Aufmerksamkeitsökonomie sind nicht Fakten, Daten und Analysen, sie werden als lamestream abgetan, sondern affektiv ansprechende, erregende Epiformationen.

 
6. In den Interfaces verschmilzt menschliche Empfindsamkeit mit technologischer Empfindsamkeit.

Die Medien des 21.Jh. sind empfindsame Medien, die wahrnehmen, lernen und kommunizieren. Computer und Biotechnologie öffnen den smarten Dingen eine eigene unmenschliche Welt. Die Interfaces werden mit Sensoren ausgestattet, aus deren Datenströmen mit Hilfe künstlicher Intelligenz Sinn gefiltert wird. Autos, Häuser, Gadgets, Kleidung, Drohnen, Städte, Logistik: Unsere Umwelten werden zunehmend
intelligent. Unter dem Label Smartness beginnen die Interfaces zu empfinden und zu kommunizieren.Die Verschmelzung von proteinbasierten und siliziumbasierten Interfaces ist die große Aufgabe des 21.Jh. Google labelt das mit Science-Fiction-Marketing als Singularität, gearbeitet wird aber vor allem an weniger spektakulären Übergängen zwischen menschlichen Sinnen und Maschinensinnen: Touchscreens, Kontaktlinsen, Brillen und Armbänder. Die menschlichen Körper und ihre Welten
verschmelzen mit den computisierten Interfaces und ihren Welten. Es entstehen biologisch-computisierte Welten.Die computisiert-biologischen Interfaces regeln als intelligente Grenzbefestigungen die Migrationsbewegungen, sie markieren Feinde für Drohnenangriffe, sie lenken das Sozialleben als soziale Netzwerke und bestimmen als Suchmaschinen in Medizin, Logistik, Wirtschaft und Alltag über Big Data.

 
7. Der Designkapitalismus ist manisch.

Interfaces neigen, wie jede Kapitalform, zur Akkumulation. Die Akkumulation der Interfaces erfolgt durch Spekulation: Die Spekulation vervielfältigt die Anschlussmöglichkeiten und damit die Zukunftsoptionen. Sie bläht gewaltige Blasen von Möglichkeiten auf. Wie hoch kann eine Form geskalt werden? Wie groß kann sie aufgeblasen werden, wie klein kann sie geschrumpft werden? Wie kompatibel ist sie in
anderen Interfaces? Denkt man heute ein Projekt, dann denkt man an eine Schnittstelle verschiedener Medien, vom menschlichen Livekörper bis zur Klickzahl der Seite auf der anderen Seite des Globus. Erfolg bedeutet Anschlussfähigkeit an verschiedenste Medien. Es bedeutet eine Form möglichst global zu vernetzen, ihr die besten Zukunftsoptionen zu
verschaffen und sie darüber maximal aufzublähen.

 

8. Interfaces können zu Monstern entarten.

Mitten in der Welt der slicken Designoberflächen tun sich Abgründe, Welt fressende Mäuler auf. Monster sind hybride Mischwesen, entartete Interfaces, multiskalare Probleme, die wir politisch noch kaum zu fassen vermögen. Unter der Silicon-Valley-Ideologie von der Versöhnung der Menschheit und der Natur durch grenzenlose Vernetzung wuchsen monströse Interfaces heran. Trumps Twitter-Populismus ist ein solches Monster, ebenso aber auch die totalitären Überwachungsnetzwerke der Geheimdienste, der Drohnenkrieg, die Grenzregime oder der IS.Das Versprechen des Designkapitalismus ist die Vermittlung jedes Bruchs durch Interfaces. Seine Tragödie ist die die Erschaffung neuer Abgründe. Mit der Logik der multiskalaren
Anschlussfähigkeit lassen sich auch gewaltige Monster erzeugen, die die natürliche und menschliche Welt in großem Maßstab verschlingen.

 
9. Politische Alternativlosigkeit

Die Ideologie des Designkapitalismus von einer global versöhnten Welt, grenzenloser Konnektivität und einem passenden Interface für alle Konflikte, führte zu einer politischen Plattformlogik. Der Designkapitalist stellte sich die politische Welt vor wie facebook oder google: Individualisierte Kosmopolit*innen werden durch gewaltige Interfaces organisiert. Das schloss nahtlos an die neoliberale Verwaltung durch Individualisierung und Alternativlosigkeit an, die unter den Labeln Postdemokratie und Postpolitik kritisiert wurden. Die designkapitalistische Ideologie glaubte nicht an nationale politische Organisation sondern an globale Infrastruktur. Sie folgte einer neoliberalen Logik, in der nur diejenigen, die die Macht über Plattformen haben, profitieren.Momentan wird diese Ideologie von autoritären Populismen überrollt. Die Populist*innen verstehen sich auf die Affektsteuerung der Massen durch die Interfaces des Kommunikationsdesigns. Trumps Wahlkampf war auf der affektiven Ebene wie
eine Soap-Opera, die alle paar Minuten zwischen Liebe und Hass wechselte und damit den lamestream von Medien und Politik aushebelte. Die postfaktische Politik ist eine Politik der Epiformation, die ihre Informationen individualisiert verteilt, Interpretation gleich mitliefert und resistent ist gegen Kritik und Reflexion.Jenseits der neoliberalen Alternativlosigkeit und des Populismus müsste eine Politik erfunden werden, die sich den Monstern des Designkapitalismus stellen könnte.

 
10. Es gibt keinen Rückzug aus dem Designkapitalismus, es gibt nur bessere und schlechtere Wege durch ihn hindurch.

Der Mythos kennt den Kampf gegen Monster und schlägt Widerstandstrategien gegen allerlei hybride Schrecken vor. Die mythischen Listen können als Inspiration für aktuelle politische Kämpfe dienen:- Odysseus flieht von der Insel der Zyklopen, indem er behauptet „Niemand“ zu sein. Die politische Wirksamkeit dieses „Niemand“ könnte neu gegriffen werden. Durch Verschlüsselungstechniken „Niemand“, anonym zu werden, ist ein erster Schritt, die Monopole der mächtigen Interfaces zu brechen. Anstatt Datenmaterial in Big Data zu werden und so unsere Namen zu verlieren, sollten wir selbst darüber bestimmen lernen, „Niemand“ zu werden.- Für die Sicherheits- und Überwachungstechnologie kann der Riese Panoptes mit seinen tausend Augen einstehen. Er wird von Hermes besiegt, der ihm ein Lied vorspielt und ihn so einschläfert. Wie ließen sich die entarteten Datenmaschinen einschläfern? Wie bringt man die computisiert-biologischen Interfaces zum nutzlosen Träumen? – Die gewaltigen Kriegs- und Grenzmonsterfordern die Erfindung neuer trojanischer Pferde. Whistleblower geben eine Richtung vor. Sie durchbrechen die Hüllen der Blasen und erzeugen
Brüche und scharfe Kanten, ähnlich wie die Trojaner schleusen sie Informationen aus wohlbehüteten Blasen in die Öffentlichkeit. Auch die globalen Migrationsbewegungen kämpfen gegen die verhärteten Interfaces der Grenzregime. Das größte Potential liegt allerdings nicht in Widerstandsstrategien sondern im Designkapitalismus selbst. Zwar neigt er dazu die Interfaces maximal hoch zu skalen und will aus jedem Start-Up eine milliardenschwere Plattform machen. Doch zöge man den nterfaces den kapitalistischen Stachel, könnten sie rhizomatisch wachsen. Eine Vielzahl kleiner Plattformen könnte die Monopolstellungen der globalen Riesen beerben. Postwachstum und ein bedingungsloses Grundeinkommen wären erste Schritte einen Designkapitalismus zu denken, der das Skaling nicht nur auf Akkumulation trimmt.Dann würden die ökologischen Kräfte des Designkapitalismus frei gesetzt. Die Welten des Designkapitalismus würden sich nicht zu Blasen sondern zu Kreisläufen runden. Seine Logik der Vermittlung könnte zu einem zirkulären Handeln führen, wie es im Recycling angelegt ist. Die Vermittlung von Natur und Kultur, ebenso wie die Vermittlung von Menschen und Dingen, Individuen und Gesellschaften würde in verschlungene und nie ganz geschlossene Kreisläufe führen. Der Designkapitalismus könnte in eine Designökologie transformiert werden.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s