Weder neu noch neutral: Markus Gabriels Realismus in der akademischen Diskussion

Robert Ziegelmann

In der akademischen Philosophie verläuft die Zeit anders als auf dem Buchmarkt und im
Feuilleton. Im Dezember 2016 erschien nun eine fachphilosophische Diskussion[1] der Thesen, die Markus Gabriel schon 2013 der interessierten Öffentlichkeit mit dem Bestseller »Warum es die Welt nicht gibt« vorgelegt hatte. Anders als dieser Titel nahelegt, handelt es sich um eine realistische Position: Die Dinge und Tatsachen, einschließlich der fiktionalen, existieren wirklich und wir können sie so erkennen, wie sie sind – nur »die Welt« als einen Behälter, in dem sich alles befindet, gibt es eben nicht. Die verschiedenen »Sinnfelder«, in denen die Dinge erscheinen, lassen sich nicht zu einem alles umfassenden Ganzen zusammenfügen. Anlässlich der akademischen Debatte hat Gabriel seinen »neuen Realismus« in »neutralen Realismus« umgetauft. Neutral sei er deshalb, da er keine Aussagen darüber trifft, was in den Sinnfeldern letztlich vorkommt. Entscheidend sei aber deren Pluralität. Es könne keine einzelne Disziplin geben, die (auch nur potenziell) für das Ganze der Wirklichkeit zuständig wäre – auch nicht die Naturwissenschaften, denen manche diese Rolle zudenken. Es existierten nicht nur Dinge, die die Physik beschreiben kann. So war es konsequent, dass sich Gabriel anschließend den Naturalismus zur Brust nahm: »Ich ist nicht Gehirn«, für den Geist seien die Naturwissenschaften nicht zuständig.

Neutral gegen den Naturalismus, realistisch gegen die Postmoderne

Sich gegen die Ansicht zu wehren, das menschliche Selbstverständnis ließe sich mitsamt Geschichte, Gesellschaft und Moral auf mathematisch beschreibbare natürliche Vorgänge reduzieren, ist eine grundsolide und sympathische philosophische Position. Gabriel will »die Wirklichkeiten (Plural!), in denen wir leben«[2] dagegen verteidigen, auf eine homogene »Welt« reduziert zu werden, deren »Mobiliar« oder »Einrichtung« (wie sich Vertreter*innen der analytischen Metaphysik gerne ausdrücken) letztlich von der Physik aufgelistet wird. Die Philosophie degradiert sich dabei zu deren Anhang, zu einer Meta-Physik im Wortsinne, wenn sie ihre Aufgabe darin sieht, bei der Aufstellung dieser Liste »durch logische Analyse unserer angeblich verworrenen Alltagstheorien« behilflich sein zu können.[3] Wenn es stimmt, dass der Naturalismus, wie Gabriel in seinem die Diskussion eröffnenden Beitrag meint, die vorherrschende Alltagsmetaphysik unserer Zeit ist,[4] hat seine Theorie eine kritische Spitze nicht nur gegen den Diskurs der analytischen Metaphysik, sondern auch in der Verteidigung unseres herkömmlichen Selbstverständnisses.

Wie die Antworten auf Gabriels Initiativartikel aber zeigen, wollen die professionellen Philosoph*innen diese für sie gemeinhin so attraktive Kombination von Zeitkritik und Verteidigung des Hergebrachten nicht recht annehmen. Dabei richtet sich die Skepsis zunächst weniger gegen den Inhalt von Gabriels Theorie als gegen seine Darstellung der intellektuellen Situation. Gabriel sieht seine Position nämlich gegen zwei Gegner zugleich gerichtet: neben dem Naturalismus hat er es auch auf die »Postmoderne« abgesehen. Darunter versteht er die »vulgärnietzscheanische« Annahme, dass wir in der Erkenntnis nicht über unseren jeweiligen Standort hinaussehen können und deshalb von der Wirklichkeit prinzipiell abgeschlossen sind. Unabhängig davon, inwiefern einzelne Autoren wie Foucault, Lacan, Lyotard oder Derrida eine solche Annahme vertraten, sei der Einfluss dieser Position in den Geisteswissenschaften nicht zu unterschätzen. Auch in der akademischen Philosophie habe es in den letzten hundert Jahren starke antirealistische Strömungen gegeben, die man unter diese Grundthese fassen könne.[5]

Zumindest wenn man auf die Diskussionsbeiträge im Philosophischen Jahrbuch schaut, kann man sich allerdings des Eindrucks nicht erwehren, dass der Realismus in der akademischen Philosophie Konsens ist. In keinem davon wird eine antirealistische Position verteidigt, sondern das Feindbild »Postmoderne« allenthalben wie selbstverständlich geteilt. Die Schwierigkeit besteht für Gabriel also weniger in der inhaltlichen Überzeugungsarbeit, als darin, zugleich die Postmoderne als auch den szientifischen Naturalismus als vorherrschende Positionen darzustellen. Der Gabriels Position aufgeschlossene Anton Friedrich Koch bietet ihm als Ausweg eine Differenzierung zwischen akademischer Philosophie und Feuilleton an: dort habe bisher ein naturalistischer Realismus geherrscht, hier hingegen die postmoderne Beliebigkeit. Vor dem so gezeichneten Hintergrund lässt sich Gabriels Intervention dann als Kompromissvorschlag zwischen beiden interpretieren: »Die Zunft behält ihren Realismus, wenn auch einen neutralisierten statt des zünftig szientifischen, und das Feuilleton seinen bunten Strauß der Diskurse, wenn auch sinnfeldgebundener statt postmodern freischwebender. Ernst und Lebensart, Tagewerk und Feierabend, Profession und Intellektualität scheinen glücklich miteinander versöhnt.«[6]

Was hier nur im süffisanten Unterton durchklingt, wird im Beitrag von Volker Gerhardt explizit. Dieser insistiert darauf, dass es mit dem Übergang vom Buchmarkt in die akademische Fachdiskussion so einfach nicht ist. Während »Warum es die Welt nicht gibt« noch »wie Sofies Welt für Heranwachsende«[7] dahergekommen sei und halbstark auftrumpfend einen »geschichtsphilosophischen Befreiungsschlag« versprochen habe, verschwinde dieser Gestus in Gabriels Initiativartikel sang- und klanglos.[8] Dagegen ließe sich einwenden, dass eine Versachlichung des Tons in einem wissenschaftlichen Artikel nur angemessen ist, aber für Gerhardt scheint es damit nicht getan zu sein. Der überspannte Anspruch, so gibt er zu verstehen, sei Gabriels Theorie nicht so äußerlich, dass er einfach abgestreift werden könnte. Was dann nämlich vom »neuen Realismus« noch übrigbleibe, sei »ein absolut unscheinbar auftretender und an eine kleinteilige Debatte im Rahmen der analytischen Philosophie anknüpfender, mit interessanten, aber durchweg spezialistisch angelegten Korrekturen auftretender ›neutraler Realismus‹«.[9] Kurz: Der akademische »neutrale« ist nicht mehr derselbe Realismus wie der epochale »neue«.

 

Buchmarkt und Akademie: Lassen sich die Sinnfelder verbinden?

Ebenso unbeeindruckt zeigt sich Claus Beisbart. Während Koch und Gerhardt bezweifeln, dass die »Postmoderne« ein so starker Gegner ist, wie Gabriel meint, relativiert Beisbart die Frontstellung nach Seiten des Naturalismus, der in der Realismusdebatte keineswegs einhellig vorausgesetzt werde.[10] Mit dem souveränen Gestus des Professoralen bekunden Gerhardt wie Beisbart, dass sie als Experten nicht so leicht zu blenden seien, wie die philosophischen Laien. Als alte Hasen blicken sie auf den aufgeregten Jungspund hinab. Bei Beisbart wirkt das etwas gereizt; mit kindgerechten Apfel-Metaphern erklärt er Gabriel die große weite Welt der akademischen Philosophie. Bei Gerhardt hingegen kommt der Paternalismus wohlwollend daher. Er klopft dem »begabten jungen Autor«[11] auf die Schulter und versichert, aus ihm könne auch mal ein Großer werden: »An seiner Ausnahmebegabung ist nicht zu zweifeln.«[12] So unsympathisch man Gabriels Auftreten in der Öffentlichkeit finden mag (dazu gleich noch mehr), ist doch festzuhalten: Dieser herablassenden Haltung entspricht keineswegs eine tatsächliche Überlegenheit im philosophischen Handwerk. Beide Diskussionsbeiträge übertreffen Gabriels weder in der begrifflichen Schärfe noch in der Kenntnis der Fachliteratur und nehmen seine Argumentation oft genug nur als Stichwort, um das Thema auf ihnen genehmeres Terrain zu verschieben. Die Frage ist also nicht wirklich, ob Gabriel neben der Populärwissenschaft auch die »richtige« beherrscht, sondern ob er dem außerhalb der Akademie aufgestellten Maßstab gerecht wird. Diese Einschränkung gilt auch für den kritischsten Diskussionsbeitrag – den von Catharine Diehl und Tobias Rosefeldt. Ihnen ist insbesondere die friedliche Koexistenz der Sinnfelder und die damit einhergehende Aufgabenteilung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften suspekt. Wenn zum Beispiel an derselben Stelle in einem Sinnfeld ein Mensch und in einem anderen ein Haufen Elementarteilchen erscheine, wie verhalten sich diese beiden Sinnfelder dann zueinander? Diehl und Rosefeldt attestieren Gabriel in dieser Frage eine »argumentative Lücke […], deren Größe mit den Regalkilometern an Forschungsliteratur korreliert, die es in der Wissenschaftstheorie, der Philosophie des Geistes und der Sozialontologie zu der Frage gibt, wie genau Tatsachen auf der Mikroebene mit solchen auf verschiedenen Makroebenen ontologisch, explanatorisch und kausal zusammenhängen.«[13]

Gabriel hat sicherlich recht, dass die Selbstverständlichkeit problematisch ist, mit der manchmal von der Reduzierbarkeit verschiedenster Gegenstandsbereiche auf die Naturwissenschaften und letztlich auf die Physik ausgegangen wird. Selbst wenn das in einzelnen Fällen möglich sein mag, bedeute das noch nicht, dass der reduzierbare Bereich nicht »wirklich« existiere.[14] Ohnehin liege die Beweislast aufseiten derjenigen, die ernsthaft behaupten wollten, Menschen seien gar nichts anderes als Haufen von Elementarteilchen.[15]

Mit der Auskunft, dass die Frage nach dem Zusammenhang der Sinnfelder nur empirisch zu behandeln, als philosophische jedoch eine Scheinfrage sei, ist die Sache aber keineswegs erledigt. Je weniger die verschiedenen Sinnfelder nämlich ineinander übersetzbar sind, desto größere Schwierigkeiten wird Gabriel haben, sein Feindbild »Postmoderne« aufrechtzuerhalten. Letztlich hätte er dann eben doch eine relativistische Theorie vorgelegt, die von irreduzibel verschiedenen Standpunkten ausgeht.[16] Dagegen wäre nichts einzuwenden – abgesehen davon, dass es mit seiner geschichtsphilosophischen Mission gegen den postmodernen Relativismus nicht zu vereinbaren ist. So bestätigt sich, was in vielen der Beiträgen mehr oder weniger explizit vermutet wird: Der für den außerakademischen Erfolg entscheidende Anspruch, die Philosophie »für das Zeitalter nach der Postmoderne« auszurufen,[17] lässt sich nicht bruchlos damit verbinden, einen innovativen Beitrag auf der Höhe der spezialisierten Fachdebatte zu liefern.

 

Eine dankbare Projektionsfläche

Dieser Umstand spiegelt sich in dem Fazit wider, das Diehl und Rosefeldt ziehen. Gabriels Theorie könne entweder so verstanden werden, dass sie neu und interessant ist oder so, dass sie plausibel ist – beides zusammen gehe nicht. Umgekehrt formuliert: seine Thesen sind entweder trivial oder schlecht begründet. »[D]ass etliche von Gabriels Überlegungen auf Unkenntnis oder aber massivem Missverständnis grundlegender Annahmen und Begrifflichkeiten zu beruhen scheinen, die für das von ihm verhandelte Thema einschlägig sind,« stehe »in einem merkwürdigen Kontrast zu dem autoenthusiasmierten Selbstbewusstsein, mit dem Gabriel seine eigenen Thesen anpreist und die seiner Gegner attackiert.«[18] Dieser Vorwurf erschöpft sich aber nicht darin, dass Gabriel auf dem Weg vom Buchmarkt zurück in die Akademie den Gestus des
Marktschreiers nicht abgelegt hat. Akademisches Distinktionsbedürfnis gegenüber den niederen Gefilden der Populärwissenschaft ließe sich auch gelassener formulieren. Man könnte Gabriel ohne weiteres zugestehen, dass er beide Felder zu bespielen weiß und die Polemik auf den Hinweis beschränken, dass es sich dabei um verschiedene Sinnfelder handelt, die sich nicht zu einer Welt vereinen lassen. Der Überschuss an Gereiztheit, der sich in unterschiedlicher Form in vielen Beiträgen findet, dürfte damit zusammenhängen, dass dem akademischen Betrieb die an Gabriel so auffälligen Marktmechanismen allzu bekannt sind. Er bietet die Gelegenheit, sich von etwas als Äußerlichem abzugrenzen, das man an sich selbst nicht wahrnehmen möchte.

Um zu verstehen, wie sehr Gabriel anbietet, den »neuen Realismus« als außerakademische Mode abzustempeln (und worauf Diehl und Rosefeldt mit dem »autoenthusiasmierten Selbstbewusstsein« anspielen), rät es sich tatsächlich, das Philosophische Jahrbuch beiseitezulegen und stattdessen zu einem waschechten Modemagazin zu greifen – dem französischen »Purple Magazine«. Neben Gucci-Kollektionnacktem Mann am Meer (wahlweise Fisch oder Papaya in die Kamera haltend) und Frauenunterleibern in durchsichtigen Plastikhosen berichtet Gabriel in einem Interview, wie er zur Philosophie gefunden hat:

»I started reading philosophy when I was 15. At the time, I broke my ankle while
skateboarding and had to stay at home over the summer. Earlier, at a party, a
friend had read out loud some passages from Schopenhauer with the familiar ›How
do we know that life is not a long dream?‹ motive. This immediately caught my
attention, so I started reading Kant’s Critique of Pure Reason, Schopenhauer, Hegel, Nietzsche, and Kierkegaard to figure out the meaning of existence. When I returned to school after the summer break, I had decided that I wanted to be a professional philosopher and hold a chair in philosophy before the age of 30, so that I would then have the prerequisites to work out an overall philosophical outlook (a philosophical system, as one used to say back in the day). Fortunately, the plan worked out.«

Beinahe körperlich nachempfinden kann man hier, was seinen Kolleg*innen an Gabriels Selbstinszenierung so unangenehm ist, wenn es ihnen auch erlaubt, sich selbst als seriöse Wissenschaftler zu gerieren. Einem 15-jährigen mag man es noch lächelnd nachsehen, wenn er nach einer alkoholschwangeren Schopenhauer-Lesung Philosoph werden und den Sinn des Lebens herausfinden will. Peinlich berühren muss es einen aber, wenn ein erwachsener Mensch seine berufliche Erfolgsgeschichte derart bruchlos aus Klischees zusammensetzt und damit prahlt, seinen adoleszenten Karriereplan – von der Lektüre offenbar unbeirrt – durchgezogen zu haben. »When I was offered the chair at Bonn, I was 28, which as far as I know makes me the youngest chairholder in philosophy in Germany since Schelling.«

 

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»The youngest chairholder in philosophy in Germany since Schelling«: der Bonner Philosoph Markus Gabriel (picture alliance/ dpa/ Roland Wittek)

 

Der Unterschied ist freilich, dass der junge Schelling ganz andere Ideale hatte, als mit 30
verbeamtet zu sein. Da ging es darum, der mit Kant im Denken und mit der Französischen Revolution in der Wirklichkeit aufkeimenden Freiheit zum Durchbruch zu verhelfen und sie gegen die dogmatische Theologie und die politische Reaktion zu verteidigen. Gabriels Einspruch gegen den naturalistischen Zeitgeist erinnert demgegenüber eher an den späten Schelling, den er in seiner Dissertation behandelte. 1840 war dieser auf den ehemaligen Lehrstuhl des neun Jahre zuvor gestorbenen Hegel nach Berlin berufen worden, um die allzu radikalen Auswirkungen derjenigen Philosophie zu bekämpfen, die er einst gemeinsam mit diesem begründet hatte. Gegen die demokratischen und religionskritischen Konsequenzen, die Hegels Anhänger zogen, sollte Schelling die staatlichen und kirchlichen Autoritäten verteidigen. In durchaus restaurativem Geist hält auch Gabriel die naturalistische Alltagsmetaphysik deshalb für verwerflich, weil in ihr »die Religion, aber auch viele andere Bereiche des Lebens […] meistens nurmehr als unvernünftiger Aberglaube auftreten dürfen.«[19] Dass viele Bereiche unseres Lebens genau das sind, muss der Philosophie mit Gabriel endgültig aus dem Blick geraten. Weit über die Zurückweisung des Physikalismus hinaus, geht es ihr erklärtermaßen darum, die Dinge so zu sehen wie sie sind und das ganze »overly sophisticated theorizing« sein zu lassen. Der vom wissenschaftlichen Fortschritt und postmodernen Spielereien schon ganz verwirrte gesunde Menschenverstand dankt es ihm. Wie die akademische Philosophie kann er dem neuen Realismus vor allem eines entnehmen: dass mit ihm selbst alles in Ordnung ist.

 

Die wirkliche Geistfeindschaft

Gabriels Erfolg rührt aber nicht bloß daher, dass er erlaubt, ein Interesse für Philosophie zu kultivieren und dabei mit einer harmlosen Radikalität zu kokettieren ohne die Borniertheit, mit der man sich in dieser Welt eingerichtet hat, infrage stellen zu müssen. Goutiert wird, dass diese Philosophie nicht allein dem Inhalt, sondern auch der Form nach keinen Gedanken daran aufkommen lässt, dass irgendetwas auch anders sein könnte. Dass Gabriel auf der Personalseite der Universität Bonn damit wirbt, wie viele Drittmittel er einwirbt und wie manisch er publiziert, fügt sich mit der Prahlerei über seine steile Karriere zum Gesamtbild der vollständigen und vorauseilenden Anpassung an die Ökonomisierung der Hochschule zusammen. Diese aber ist es, die den Geist wirklich bedroht – keine falsche Theorie, sondern die falsche Praxis, mit der Macht der Bürokratie Marktverhältnisse in der Wissenschaft zu simulieren. Die Geistfeindschaft erschöpft sich nicht im intellektuellen Irrtum des Naturalismus, ihre Macht besteht in ihrer gesellschaftlichen Verkörperung und politischen Institutionalisierung. Wer getrieben vom Konkurrenzdruck so viel wie irgend möglich publiziert, wird kaum zu innovativen und kritischen Ergebnissen gelangen. Auch die Abhängigkeit von Drittmitteln fördert den Konformismus. Ergebnisoffene Forschung braucht Zeit und muss auch scheitern dürfen; sie kann nicht immer zum vereinbarten Datum liefern, was man in Anträgen versprechen muss. Um an Geld zu kommen, bleibt tendenziell nur die Wahl, entweder eine Frage zu erfinden, die nicht besteht, oder eine Antwort herbeizuführen, die sich nicht zwanglos ergibt. Der Einspruch gegen den theoretischen Reduktionismus ist wohlfeil, solange man praktisch daran mitarbeitet, den Geist zu numerisch vergleichbaren Kenndaten zurechtzustutzen, den »Impact« geisteswissenschaftlicher Forschung zu quantifizieren und durch das Zählen von Zitationen und Publikationen Rankings zu erstellen, die das Denken nur um den Preis der Standardisierung vergleichbar machen können.

Dass sich das Denken nicht im luftleeren Raum, sondern unter bestimmten historischen Umständen abspielt, weiß Gabriel eigentlich. In seiner lesenswerten Auseinandersetzung mit den »Schwarzen Heften« zeigt er auf, wie Heideggers Wahn darin gipfelt, seinen eigenen Geburtstag zum Ziel eines von den Lebensdaten Hölderlins, Wagners und Nietzsches bezeichneten deutschen Erwachens zu stilisieren. Dass Gabriels Vergleich der
eigenen Lebensdaten mit denjenigen Schellings symptomatisch für die Konkurrenz
der Lebensläufe im heutigen akademischen Betrieb sein könnte, kommt ihm aber nicht in den Sinn. Gabriel sieht mit aller wünschenswerten Klarheit, dass Heidegger genau diejenigen Wissenschaften als jüdisch denunzierte, die dessen Antisemitismus hätten erklären können: Geschichte, Gesellschaftstheorie und Psychoanalyse. Eben diese Disziplinen könnten aber auch bei Gabriel und seinen Kolleg*innen eine heilsame Selbstreflexion anstoßen. Fern davon, auch nur die geringste inhaltliche Verwandtschaft anzudeuten, ist daran zu erinnern, dass alle Intelligenz nicht davor schützt, die Reflexion auf den gesellschaftlichen und geschichtlichen Kontext des eigenen Denkens zu versäumen.

 

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Friedrich
Wilhelm Joseph Schelling 
(Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=223102)

 

 

Auch in dieser Hinsicht bietet Gabriel wenig Neues. Karl Jaspers diagnostizierte dieselbe Blindheit gegenüber der geschichtlichen Realität bereits – man ahnt es schon – am späten Schelling.[20] Die Größe der modernen Philosophie lag immer darin, den historischen Stand des Geistes auf den Begriff zu bringen. Auch wo sie das versäumt, lässt sich an ihr aber ablesen, was in der Welt passiert. Indem er diese verabschiedet, mangelt es Gabriels Realismus nicht bloß an Neuheit und Neutralität – sondern vor allem an Realität.

 

Robert Ziegelmann, Philosoph, Uni Heidelberg. Als Mitglied des Frankfurter Forschungsprojekts »Kritische Theorie und Religion« geht er den theologischen Andeutungen Adornos nach. In seiner Dissertation bestimmt er den erkenntnistheoretischen Ort kritischer Theorie zwischen Kant und Hegel.

 

 

 

***

Fußnoten & Quellenangaben

[1]Die Diskussion begann mit der Ausgabe 121/2 (2014) des Philosophischen Jahrbuchs und erstreckt sich  bis zur aktuellen Ausgabe 123/2 (2016). Nicht weiter gekennzeichnete Seitenangaben beziehen sich im Folgenden stets auf die geschlossene Wiedergabe der Debatte in: Markus Gabriel: Neutraler Realismus. Jahrbuch-Kontroversen 2. Hg. v. Thomas Buchheim. Freiburg / München: Karl Alber 2016 (mit Angabe der Ersterscheinung im Philosophischen Jahrbuch in Klammern).

[2]Markus Gabriel: Repliken auf Beisbart, García, Gerhardt und Koch, 106–149 (122/2, 478–521), hier 129 (501).

[3]Gabriel: Repliken auf Beisbart, García, Gerhardt und Koch, 129 (122/2, 501). Vgl. Ders.: Repliken auf Diehl/Rosefeldt, Hübner, Rödl und Stekeler-Weithofer, 165–222 (123/1, 162–219), hier 171 (168).

[4]Markus Gabriel: Neutraler Realismus, 12–31 (121/2, 353–372), hier 29 (370).

[5]Vgl. Gabriel: Repliken auf Beisbart, García, Gerhardt und Koch, 131 (122/2, 503).

[6]Anton Friedrich Koch: Neutraler oder hermeneutischer Realismus?, 83–92 (122/1, 163–172), hier 85 (165).

[7]Volker Gerhardt: Eine hoffnungsvolle Korrektur. Die Neutralisierung des Neuen in Markus Gabriels »neutralem Realismus«, 73–82 (122/1, 153–162), hier 75 (155).

[8]Ebd., 78 (122/1, 158).

[9] Ebd.

[10] Claus Beisbart: Wie viele Äpfel sind im Kühlschrank? Kommentar zu Markus Gabriel, »Neutraler Realismus«, 35–45 (122/1, 115–125), hier 37–39 (117–119). Für Gabriels Antwort siehe Gabriel: Repliken auf Beisbart, García, Gerhardt und Koch, 132 (122/2, 504).

[11] Gerhardt: Eine hoffnungsvolle Korrektur, 82 (122/1, 162).

[12]Ebd., 78 (122/1, 158). Vgl. ebd., 75 f. (156 f.).

[13]Catharine Diehl / Tobias Rosefeldt: Gibt es den neuen Realismus?,
46–65 (122/1, 126–145), hier 51 (131).

[14]Gabriel: Repliken auf Beisbart, García, Gerhardt und Koch, 116 (122/2, 488).

[15] Markus Gabriel: Repliken auf Diehl/Rosefeldt, Hübner, Rödl und Stekeler-Weithofer,
175 f. (123/1, 172 f.).

[16]Vgl. Daniel Martin Feige: Für eine Ontologie ohne Metaphysik, oder: Markus Gabriel verabschiedet einmal mehr die Welt, Deutsche Zeitschrift für Philosophie 65 (2017) 1, 174–182, hier 181 f.

[17] Gabriel: Warum es die Welt nicht gibt, 10.

[18]Diehl / Rosefeldt: Gibt es den neuen Realismus?, 64 (122/1, 144).

[19]Gabriel: Neutraler Realismus, 29 (121/2, 370).

[20]Karl Jaspers: Schelling. Größe und Verhängnis. München: Piper 1955, 253.

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