Raum einnehmen: eine feministische Reflexion

von Johanna Montanari

„Tu kam zu Me-ti und sagte: Ich will am Kampf der Klasse teilnehmen. Lehre mich. Me-ti sagte: Setz dich. Tu setzte sich und fragte: Wie soll ich kämpfen? Me-ti lachte und sagte: Sitzt du gut? Ich weiss nicht, sagte Tu erstaunt, wie soll ich anders sitzen? Me-ti erklärte es ihm. Aber, sagte Tu ungeduldig, ich bin nicht gekommen, sitzen zu lernen. Ich weiß, du willst kämpfen lernen, sagte Me-ti geduldig, aber dazu musst du gut sitzen, da wir jetzt eben sitzen und sitzen lernen wollen. Tu sagte: Wenn man immer danach strebt, die bequemste Lage einzunehmen und aus dem Bestehenden das Beste herauszuholen, kurz, wenn man nach Genuss strebt, wie soll man da kämpfen? Me-ti sagte: Wenn man nicht nach Genuss strebt, nicht das Beste aus dem Bestehenden herausholen will und nicht die beste Lage einnehmen will, warum sollte man da kämpfen?“ (Bertolt Brecht, Gesammelte Werke 12, Frankfurt a.M., 1976, S. 576)

Kampf um die Sitzbank

Letztens konnte ich einen intimen Machtkampf beobachten. In einer vollen U-Bahn saßen mir gegenüber zwei Männer so breitbeinig da, dass sie die Kapazitäten der 2-Personen-Bank äußerst strapazierten und der außen sitzende Mann ein Bein in den Gang verfrachten musste. Ich war davon fasziniert, wie viel Körperkontakt die beiden miteinander teilten. Während sie konzentriert in ihr Handys starrten, handelten ihre Beine den Kampf um das Alpha-Männchen-Dasein aus: Bloß nicht weniger Raum einnehmen als der Andere!

Die beiden Männer gehörten augenscheinlich der Spezies der Manspreader an. Beim so genannten Manspreading nehmen Männer, scheinbar selbstverständlich, ohne Rücksicht auf Andere und häufig als Machtdemonstration so viel Raum wie möglich ein. Insbesondere dieses sehr breitbeinige Sitzen, dass dicke Eier markieren soll, ist damit gemeint.

Gelernte Geschlechterrollen beeinflussen, wie wir Raum einnehmen. Sie zeigen sich ganz körperlich, beim Gehen, Sitzen, sich Bewegen. Es ist eine Männlichkeitsanforderung, viel Raum einzunehmen, und damit Kraft und Stärke zu beweisen. Als männlich gilt, keine Angst zu zeigen und sich nicht einschüchtern zu lassen. Eine Weiblichkeitsanforderung ist, möglichst wenig Raum einzunehmen, dünn, ungefährlich und angenehm zu sein. Die Beine übereinander geschlagen, der Oberkörper leicht nach vorne gebeugt, die Arme auf den Oberschenkeln abgelegt: das ist die klassisch weibliche Sitzhaltung. Eine Weiblichkeitsanforderung ist auch, andere Menschen wahrzunehmen, ihre Bedürfnisse zu erraten und sich danach auszurichten, also zum Beispiel in der U-Bahn ungefragt beiseite zu rücken.

Der Begriff Manspreading bezeichnet nicht einfach eine neutrale Sitzhaltung, sondern problematisiert eine sexistische Weise, Raum einzunehmen. Das Wort hat heftige Abwehrreaktionen bei einigen Männern ausgelöst. Es gab ernsthafte Versuche, Manspreading mit anatomischen Differenzen vermeintlich wissenschaftlich zu erklären. Manche Artikel wiesen spitzfindig darauf hin, dass auch Frauen auf respektlose Weise Raum einnehmen, zum Beispiel, schön klischeebeladen, wenn ihre Shopping-Taschen einen weiteren Platz reservieren. Am häufigsten wurde jedoch das Argument bemüht, diese Sitzhaltung sei eben bequem.

Ich kann mir nicht so gut vorstellen, dass eine Sitzposition, die eine Machtdemonstration ist, tatsächlich bequem ist, schließlich muss der Platz ja auch gegen alle, die ihn herausfordern, behauptet werden. Vor allem verstehe ich nicht, warum nicht alle Menschen, Macht demonstrierendes Alpha-Männchen-Gehabe ätzend finden, außer sie wollen eben patriarchale Strukturen verteidigen.

Feministisch Platz machen

Dem Phänomen Manspreading wurde bereits mit offiziellen Verboten begegnet. Die Stadt Madrid hat in ihre öffentlichen Verkehrsmittel Piktogramme gehängt, auf denen ein manspreader rot durchgestrichen ist. Damit will die Stadt zu einer „respektvollen Sitzhaltung“ auffordern. Respektlos am Manspreading ist nicht nur, dass sich eine Person ausbreitet, ohne wahrzunehmen, dass sich eine andere wegen ihr quetschen muss. Respektlos ist auch, dass manspreader anderen Menschen Körperkontakt aufdrängen.

Auch hier spielen Geschlechterrollen eine Rolle und beeinflussen, welcher Körperkontakt als unangenehm oder sogar als bedrohlich empfunden wird. Menschen, die potentiell von sexualisierter Gewalt betroffen sind, reagieren anders auf unerwünschten Körperkontakt als Menschen, die sich nicht als mögliche Opfer von sexualisierter Gewalt verstehen, siehe die Dudes, die mir in der U-Bahn begegnet sind.

An der hitzig geführten Debatte um etwas so Banales wie Sitzhaltungen in öffentlichen Verkehrsmitteln zeigt sich etwas Allgemeineres. Der Raum, den wir einnehmen, ist von Macht und Gewalt durchzogen. Für weiblich sozialisierte Personen ist es eine Herausforderung, Raum einzunehmen. Ich kann als Frau zum Beispiel nicht auf dieselbe Art wie ein Mann breitbeinig dasitzen: Wenn mein Knie offensiven Körperkontakt sucht, wird das eher als Flirtversuch denn als Machtdemonstration begriffen und möglicherweise für obszön gehalten.

Die Vision ist für mich, dass wir alle so viel Raum einnehmen, wie es für uns bequem ist, dabei aufeinander acht geben und den Raum, den wir teilen, gemeinsam gestalten. Diese Vision lässt sich innerhalb von gewaltvollen patriarchalen Strukturen nicht verwirklichen. Es gibt nur fragile Situationen, kurze utopische Momente. Wir leben in einer Welt, die den weiblichen Körper anhimmelt und sexualisiert und ihn gleichzeitig nicht als tatsächlichen Körper, der ein eigenes Begehren und eigene Bedürfnisse hat, ernst nimmt.

Wut ist ok

Raum einzunehmen ist nicht nur körperlich zu verstehen. Auch Gefühle brauchen Raum. Insbesondere Wut ist für weiblich sozialisierte Menschen ein Gefühl, das häufig keinen Raum haben darf. Wut ist Ausdruck eines schmerzvoll unerfüllten Bedürfnisses. Ich kann meine Wut insbesondere dann gut zeigen, wenn ich sie als berechtigt empfinde, beziehungsweise darauf vertraue, dass mein Bedürfnis einen Platz in der Welt hat oder auch darauf vertraue, dass sich andere um meine Bedürfnisse kümmern. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass insbesondere weiße, bürgerliche Männer Wut zeigen können.

Wütende Männer diskreditieren sich nicht, wütende Frauen schon. Was nicht heißt, dass weiblich sozialisierte Personen nicht wütend sind, doch sie haben gelernt, das nicht nach außen zu tragen, so wie sie insgesamt möglichst keinen Raum einnehmen sollen. Auch Personen, die von Rassismus betroffen sind, aufgrund ihrer Sexualität diskriminiert werden oder nicht in die binäre Geschlechterordnung passen, wird Wut nicht zugestanden. Zeigen sie doch ihre Wut, werden sie als kindlich, animalisch, krank oder kriminell pathologisiert.

Wut kann toxisch werden, wenn sie anderen den Raum nimmt und sich gewaltvoll entlädt. Oder Wut kann sich nach innen richten, sodass ich mich selbst fertig mache, statt einen Konflikt auszutragen. Wut Raum zu geben, muss aber nicht bedeuten, andere Menschen oder mich selbst zu verletzten, es kann auch Intimität beweisen, wenn ich zu meinem Bedürfnis stehe und dabei anderen Menschen ihren Raum lasse.

In diesem Jahr sind in den USA gleich zwei Bücher erschienen, die weibliche Wut als Ressource feiern, „Rage Becomes Her: The Power of Women’s Anger“ von Soraya Chemaly und „Good and Mad: The Revolutionary Power of Women’s Anger“ von Rebecca Traister. Die historische Kraft weiblicher Wut wird in diesen Büchern aufgezeigt, da sie in der Geschichtsschreibung gerne unterschlagen wird. Ich denke, es ist wichtig, Wut wertzuschätzen, ohne sie als Selbstzweck zu feiern. Ich muss nicht unbedingt wütend sein, um dafür zu kämpfen, was ich für richtig halte. Ich denke, Wut ist nützlich als Orientierung, als Signal. Audre Lorde beschrieb bereits 1981 in einer Rede bei der National Women’s Studies Association Conference in Storrs, Connecticut, Wut als nützliches Werkzeug: „Anger is loaded with information and energy.“ Wut ersetzt keine Analyse der Verhältnisse, aber sie kann sie antreiben.

Emanzipation

Es ist eine Bedingung für Emanzipation, Raum einzunehmen. Emanzipation bedeutet wörtlich „aus der Hand nehmen“. Besitz wurde sich früher durch das Auflegen der Hand unter Zeugen angeeignet. Emanzipation ist dann der gegenteilige Prozess. Emanzipation wird oft als Gleichstellung übersetzt. Doch tatsächlich meint Emanzipation zunächst erstmal das sich Behaupten als unabhängige Entität, die nicht mehr in Besitz von jemand Anderem ist. Eine Entität, die einen eigenen Raum ausfüllt, ein eigenes Begehren, eigene Gefühle, eigene Bedürfnisse hat.

Um mich zu emanzipieren, muss ich Raum einnehmen, also mein eigenes, von Dir unabhängiges Dasein als berechtigt empfinden, auch wenn es Ecken und Kanten hat. Man kann sich so auf die Bedürfnisse der Anderen ausrichten, dass das eigene Dasein, der eigene Raum so klein wie möglich ist und nie stört. Erst wenn ich Raum einnehme und für mich einstehe, auch wenn ich damit nicht Erwartungen entspreche, die an mich gestellt werden, werde ich sichtbar. Nur wer seinen eigenen Raum behauptet, kann für eine andere Welt kämpfen. In der kann es für Manspreader ruhig unbequem werden.

 

Johanna Montanari, *1987 in Berlin-Kreuzberg, wurschtelt sich durch das
Dickicht. 2017 hat sie gemeinsam mit Sina Holst den Essayband "Wege zum
Nein" herausgegeben, indem antirassistische und queerfeministische Texte
die Reform des Sexualstrafrechts 2016, sexuelle Gewalt und Visionen von
Sexualität und Konsens verhandeln.

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