Wie viel Zukunft brauchen wir eigentlich?

Ein Gespräch mit der Philosophin und Theaterwissenschaftlerin Jules Buchholtz, deren Buch Wem gehört die Zukunft? Wissen und Wahrheit im Szenario szenariomatische Vorausschau als Kulturtechnik und Regierungsmittel untersucht. Dieses, so die These, übe mithilfe ästhetischer und affektiver Strategien nicht nur Einfluss auf die Gegenwart, sondern vor allem auch auf die Zukunft aus. Das Interview führte Jandra Böttger.

Jandra Böttger: Liebe Frau Buchholtz, was ist die Zukunft?

Jules Buchholtz: Als ich angefangen habe, über die Zukunft zu forschen und systematisch nachzudenken, habe ich sie mir, wie es ja auch oft formuliert wird, als Raum vorgestellt: ein Projektions- oder Handlungsraum. Mittlerweile denke ich die Zukunft nicht mehr als Raum, sondern eher als eine Art weiter, das man vielleicht als Meistern der Gegenwart bezeichnen kann oder auch Dilettieren im Gegenwärtigen. Die Zukunft verspricht nicht unbedingt Verbesserung, auch wenn das einem weitverbreiteten Fortschrittsnarrativ entsprechen mag. Aber die Idee, Zukunft aus der Gegenwart heraus anzubahnen und diese Visionen dann folgsam zu verwirklichen,  widerstrebt mir. 

Das heißt, Zukunft ist ein sehr in der Gegenwart stehendes Moment, das gar nicht eigenständig funktioniert, sondern als ein bestimmtes Ressort der Gegenwart in dieser verortet ist? 

Nein, die Zukunft ist schon das danach und unterscheidet sich somit fundamental von der Gegenwart. Aber das Vorzeichnen von Zukunft in Form von Zukunftsbildern, in Gestalt von Projektionen und Visionen ähnelt schnell dem Entwickeln von Narrativen. Zukunft narrativ und somit auf gewisse Art geschlossen, ja, schon abgeschlossen und als gewissermaßen unausweichlich zu denken, ist eigentlich ein Versuch, sie einzuhegen. Auch wenn die Narrative freilich immer als das Gegenteil daherkommen, nämlich als Versuche, Zukunft autonom und nach eigenen Vorstellungen zu gestalten, geht es meist darum, mit der Zukunft die Gegenwart und was in ihr passiert, zu steuern. Zukunft auf diese Weise vorwegzunehmen, ist kein Entwerfen, es ähnelt eher der tatsächlichen Produktion von Zukunft.

Das ist nachvollziehbar und auch stellenweise probat. Zum Beispiel wenn es um ein Szenario für den Umgang mit Weltraummüll geht. Denn hier kann man in der Tat recht gut berechnen, was passieren wird und entsprechende Strategien entwickeln, um Unfälle und Zusammenstöße zu verhindern. Ganze Gesellschaftssysteme oder die digitale Zukunft aller zu antizipieren, hat einen anderen, wesentlich höheren Grad an Komplexität und ist deswegen kein Fall für ein Zukunftsnarrativ. Die Zukunft wird natürlich in der Gegenwart angezettelt, sie ist für mich aber nicht der vielversprechende und vor allem Profit versprechende Projektionsraum – kein ökonomisches wild blue yonder. 

Ich habe den Eindruck, dass eine Weile lang zu viel Zukunft produziert worden ist, man sich zu stark auf Zukunft und Fortschrittsnarrative, technologische Zukunftsversprechen, Überholungszwang und eine – fast immer industriell gestützte – Innovationslogik fixiert hat und wir infolgedessen im Modus des Konditionalen leben. Wenn wir uns also fragen, wieviel Zukunft eigentlich gebraucht wird und ob soviel, dann wäre meine Antwort, wir kommen mit deutlich weniger und bescheideneren Antizipationen aus. Wir leiden nach meiner Ansicht nicht an zu wenig Zukunft, sondern daran, vor lauter Zukunftsinvestition die Gegenwart zu vernachlässigen. Nicht no future, sondern too much future.

In Ihrem Buch definieren Sie die Zukunft als die Möglichkeit per se und beschreiben sie durchaus als absoluten Möglichkeitsraum, der gerade aufgrund der absoluten Offenheit auch eine große Verletzlichkeit oder Anfälligkeit für Manipulation mit sich bringt. Ist es eine von Ihnen aktiv angewandte emanzipative Strategie, sich weniger auf die Zukunft zu fokussieren und stattdessen die Gegenwart und den Möglichkeitsraum derselben anzuvisieren? 

Es ist eine emanzipatorische Tätigkeit, eine Entscheidung, die Gefolgschaft an dieser Art von Zukunftsbestimmung zu verweigern, das glaube ich schon. Bezugnehmend auf das Bild der Zukunft als weibliches Wesen bedeutet der Akt, sich selbst die Zukunft zu entziehen, sich der Macht derer zu entziehen, die meinen, mit ihr Beliebiges anstellen zu können. Es geht darum, sich dem Imperativ zu widersetzen, dass die eigene oder in einem größeren Rahmen geteilte Zukunft gänzlich Objekt und Gestaltungsgegenstand vielerlei Bedürfnisse und künftiger Notwendigkeiten sein müsse und in diesem Sinne den – seien sie grün oder fossil – jedoch fast ausnahmslos industriell geprägten Lösungsansätzen entsprechen zu sollen.

Mir war die Idee, dass die Zukunft ein Raum der Möglichkeit per se sein könnte, dass man sie unbedingt zu gestalten und zu formen hätte, um sich als Autor*innen der Zukunft betrachten zu können, schon immer suspekt. Hier vor allem bestimmte Ergebnisse dieses Denkens, die in Form von Szenarien und Zukunftsbildern die Zukunft eigentlich verstellen: Konzentriert auf die schon geschlossenen Diskurse künftiger Realität, ist der Blick auf alles andere, nämlich die Alternativen zu den bereits angepriesenen Alternativen verstellt. Es ist eine Art Machtausübung. Diese besteht zwar nicht in der direkten Installation der einen oder der anderen Zukunft, aber etwas subtiler darin, zu bestimmen, was überhaupt in den Fokus gerät, was als Entwurf in Betracht kommt und so schließlich Gegenstand der demokratischen Aushandlung wird. Auf diese Weise wird der Horizont kommender Zeit in der Gegenwart bereits okkupiert und eingenommen. Das ist eben nicht unbedingt ein Akt großer Selbstbestimmtheit, sondern vielleicht eher das Gegenteil. 

Neben diesem Punkt des Verstellens ist die Praxis des Projizierens ein weiterer heikler Punkt: das Setzen von Impulsen des Handeln-Sollens und -Wollens. Die Idee des Möglichkeitsraums der Zukunft im Sinne des Nötigens zum Schreiben künftiger Geschichte ist enorm ideologieanfällig. Unbedingt bestimmen zu wollen was die Zukunft bringt, kann sich positiv wie negativ auf kollektives Handeln auswirken. Es kann darin münden, Kollektive anzustacheln und sie in einem leider häufig sehr populistischen Sinne in Stimmungen zu versetzen, die mit einer sachlichen Entscheidungsfindung nur noch wenig zu tun haben.

Das heißt, die Zukunft als Möglichkeitsraum zu denken ist eine Form von Naivität oder  Komplizenschaft mit den in der Gegenwart unbewusst gelebten Strukturen. Stattdessen muss das, was in Zukunft möglich sein könnte, permanent aktiv erarbeitet und Freiräume verteidigt werden? 

Ich würde nicht sagen, dass es naiv ist, sich mit der Zukunft auseinanderzusetzen, in einer Gestaltungswillen ausdrückenden Art und Weise. Man kommt auch kaum umhin, die Zukunft irgendwie zu denken. Dass man sich die Zukunft offenhalten muss, ist eine Schlussfolgerung, zu der man gelangen kann. Die große Frage, die dahintersteht ist eigentlich die: Brauchen wir soviel Zukunft, wie behauptet wird, dass wir es täten? Damit meine ich einerseits das zur Verfügung stehende Maß an Zeit, aber andererseits auch die Kapazität dieses Begriffs, der ja von der Sparkasse, mit Hilfe derer in die familiäre Zukunft investiert wird, über die Babywindeln, mit deren Kauf die Zukunft von Kindern in Schwellenländern vorgeblich gesichert werden könne, unglaublich ideologisch aufgeladen ist. Ich finde es nicht naiv, es ist naheliegend, sich Sorgen um die Zukunft zu machen, aber man kommt auch weiter ohne die großen, ideologischen Narrative, die Verheißungen und Worst-Case Szenarien.

Jetzt haben Sie sich in Ihrem Buch mit einer Technik beschäftigt, die ganz explizit, so sagen Sie, auf eine Homogenisierung von Erwartungsräumen in der Zukunft abzielt. Das Szenario ist als Technik vor allem im Kalten Krieg wieder vermehrt eingesetzt worden, wodurch versucht wurde, eine Zukunft, die man nicht mehr experimentell erfahren konnte, zu visualisieren und dabei eigentlich mehrere Zukunftsentwürfe nebeneinander zu stellen, die immer um das Motiv eines Nuklearen Kriegs kreisten. Wie hat die Konjunktur des Szenarios eigentlich angefangen?

Während des Kalten Kriegs ist sehr viel mit dieser Form der Veranschaulichung gearbeitet worden. Wenn man sich Operationen der Einflussnahme, etwa Information Operation (IO)[1] auf Bevölkerungen, wie sie bis in dieses Jahrhundert hinein auch von westlichen Mächten praktiziert worden sind, ansieht, wird klar, dass der Versuch, Teile von Bevölkerungen über bestimmte Projektionen propagandistisch einzustimmen, überhaupt nicht neu ist. Und wer meint, dass dies in Demokratien nicht stattfinden würde, irrt. Das, was ich als die Ursprünge des Szenarios beschreibe, geht schon sehr viel früher los: Soll eine Bevölkerung oder eine bestimmte Gruppe an Personen für die eigenen Vorstellungen kämpfen, stimmen Geschichten, Narrative und Szenarien darauf ein. Das ist eben das heikle an dieser Technik: sie stiftet an zum Handeln, etwa für eine gerechtere Zukunft, ist aber gleichsam das Instrument, mit dem sich Menschen schon immer in die Katastrophe führen ließen.

Sind Szenarien medienspezifisch? Treten sie vor allem in bestimmten Medien auf oder hat sich der Einsatz der für ein Szenario genutzten Medien verändert? Sie haben sich ja vor allem mit Filmen aus unterschiedlichen Bereichen, z.B. Werbefilmen aber auch Spiel- und Dokumentarfilmen. Aber wenn Sie sagen, dass es noch sehr viel frühere Vorfahren hat – wo, in welchen Medien haben Szenarien angefangen ihre Wirkkraft zu entfalten? 

Szenarien sind Ereignisverläufe, die zeitgleich, aber lokal entfernt ablaufen können, schon stattgefunden haben, oder erst noch eintreten werden. Sie zeigen in aller Regel künftige Realitäten, kommen aber in allen drei Zeitstufen vor, ohne mit der herrschenden Realität übereinzustimmen oder mit dieser zusammenzufallen. Ich glaube, dass es narrative und erzählende Praktiken, divinatorische Verfahren, vor allem aber frühe Formen des Infotainments gewesen sind, auf denen heutige Szenarien beruhen. Die spektakulären Inszenierungen historischer Fakten in Panorama und Diorama etwa sind eine frühe Form des Infotainments, die im Sinne eines Entwerfens möglicher Realität als Medien für diese Art der Darstellung eingesetzt worden sind. Aber Spekulationen über mögliche Verläufe militärischer Konflikte oder mutmaßliche Hergänge politisch relevanter Ereignisse – solche Hybriden der Berichterstattung die zwischen Auslegung, Kontextualisierung, Möglichkeit und Interpretation oszillieren – solche Mischformen prägen ganz entscheidend und zu einem großen Anteil das, was wir als Fakten oder Nachrichten betrachten. 

Aber auch dort, wo bewegte Bilder möglichst wirklichkeitsnah, d.h. ein Authentizität versprechendes Format haben – beim Werbefilm, beim Spielfilm, beim Dokumentarfilm – ist eine Affinität zum Szenariomatischen eher gegeben. Denn der Einsatz des Szenarios ist da besonders sinnvoll, wo es darum geht, Menschen auf etwas einzustimmen, sie zu begeistern oder für etwas oder gegen etwas einzunehmen. Da sie Handeln anregen, Annahmen prägen und auf ein mögliches Ziel hin steuern sollen, ist es nur logisch, Szenarien dort einzusetzen, wo sie noch nicht abgeschlossene Entscheidungsfindung oder Willensbildung beeinflussen können, d.h. der politische Raum ist sicherlich einer, in dem der Gebrauch von Szenarien als nützlich angesehen wird. 

Also überall da, wo durch die Entscheidungsleistung von mehreren Menschen etwas bewirkt werden soll, in Demokratien zum Beispiel, braucht man – und ich sage nicht, dass ich das befürworte – Szenarien, durch welche Menschen eingeladen werden, politische Willensbildung zu betreiben. Denn in Demokratien muss ja irgendwie das, wofür optiert werden soll, in das Bewusstsein derer gelangen, die wählen, damit am Ende das umgesetzt wird, was als das Produkt dieses Aushandlungsprozesses gilt.

Würden Sie sagen, dass das Szenario eine demokratische Technik ist, beziehungsweise ist es falsch, Szenarien in einer Demokratie einzusetzen? Oder muss man vielleicht den Demokratiebegriff verändern, weil ein Szenario, insofern es affektiv wirkt, an einem rationalen, deliberativen Demokratieverständnis vorbeigeht? Gleichzeitig, wie Sie gesagt haben, braucht man eben auch Szenarien, um Menschen für bestimmte Themen zu sensibilisieren oder Interesse zu erwecken. Ist die Szenariotechnik schlecht oder der Demokratiebegriff, der die emotional-theatrale Möglichkeit der Affizierung seiner Bürger*innen ausschließt? 

Insofern das Szenario eben in den meisten Fällen nicht versachlichend, sondern mit einer sehr intensiven Bildsprache arbeitet und die Entscheidenden emotional affiziert, kann es eingesetzt werden, um Menschen für bestimmte Zukünfte und Vorgänge zu sensibilisieren, aber auch dazu, sie einzunehmen und aufzupeitschen, so dass Entscheidungen weniger rational, aber dafür umso emotionaler getroffen werden.  Wenn dies der Zweck eines Szenarios ist, ist es insofern verdächtig, als es bestimmte Zukünfte in der Gegenwart mit einer höheren Wahrscheinlichkeit versieht oder stärker emotional auflädt, so dass die Aufmerksamkeit nur auf bestimmte Themen fällt, auf andere jedoch notwendigerweise nicht. Demokratiefeindlich wäre daher wohl zu viel gesagt, aber Szenarien bieten ein protoantidemokratisches oder hyperdemokratisches Potenzial. Denn einerseits brauchen Demokratien Meinungsbildung, damit überhaupt abgestimmt werden kann. Das Aufzeigen einer Auswahl möglicher Szenarien, stellt aber bereits eine Selektion dar. Wenn das Szenario nun noch emotional aufgeladen wird, findet eine Form von Beeinflussung statt. Auf diese Weise also die Willensbildung vieler zu beeinflussen und so Macht in Form generalisierter Entscheidung auszuüben, muss, wenn sie somit direkt mit der Produktion von Zukunft zusammenhängt, als gegen-demokratisch verstanden werden. Letztendlich ist meines Erachtens eine jede Technologie, die flächendeckend meinungsbildend eingesetzt werden kann, fragwürdig. 

Andererseits weiß ich nicht, ob eine Demokratie, wie wir sie heute etwa in Gestalt der Bundesrepublik vorfinden, ohne solche Technologien funktionieren kann. Ich würde aber sagen, dass der Einsatz von Szenarien wirklich nicht nötig ist, besonders nicht, um Menschen für bestimmte Themen zu interessieren und zu sensibilisieren. Sollen Menschen mit den großen Zukunftsnarrativen für etwas sensibilisiert oder gegen etwas eingenommen werden, dann geschieht das in der Regel mit Szenarien als eine Form der Fokussierung, deren Legitimität fragwürdig ist. Aber müssen Menschen unentwegt für etwas begeistert, in Angst und Schrecken versetzt, oder emotional angesprochen werden? Könnte nicht versucht werden, die Menschen rational zu erreichen?

Würden Sie das Szenario als Zukunftstechnologie selbst bezeichnen? Es gibt den Begriff der Szenariotechnik, auf den auch Ihre Theorie der szenariomatischen Produktion abzieltEs geht hier darum, dass es eher ein Bündel an Mechanismen ist, die allesamt benötigt werden um eine gute Story zu einem handlungswirksamen Szenario zu machen. Oder zum Beispiel eine erstmal kleine Idee für die Zukunft mit emotionalem Gewicht in der Gegenwart aufzuladen.  

Das Szenario ist das Vehikel, es ist ein Diskursschiff. Es transportiert die Entwürfe und medialen Artefakte von erst noch zu solchen werdenden Trends, so dass sie Eingang in unser Bewusstsein finden und zum Gegenstand unserer Kommunikation werden können. Man kann das Szenario also insofern als Zukunftstechnologie beschreiben, als es in den meisten Fällen Visionen der Zukunft transportiert und mit ihm Wissen in einen Zustand versetzt wird, in welchem man eine vermeintliche Affinität dazu entwickeln kann. Es ist ein ereignishaftes, inszeniertes, aufgeführtes Wissen, das im Szenario gezeigt wird. Es muss nicht erworben, sondern kann sozusagen zwischendurch gesnackt werden. Faktoren, die hier wirken, sind letztlich natürlich auch aus der Szenariotechnik bzw. der scenario analysis der 1960er Jahre bekannt. Also zum Beispiel, Storytelling zu betreiben und Geschichten zu entwerfen, die sich mit besonders großer Wirkmächtigkeit auf die Fantasie der Adressaten auswirken werden und man eindrucksvolle Schlagworte und Titel verwendet, damit das Gesehene im Gedächtnis bleibt. Die Zukunftsbilder werden mit dem eigenen zukünftigen Ereignishorizont kurzgeschlossen, bzw. in diesen installiert. Mit dieser aktualisierten Version von Zukunft vor Augen kann dann entsprechend in der Gegenwart gehandelt werden. 

Haben Sie ein gegenwärtiges Beispiel, dass Sie anbringen würden, wenn Sie die Funktionsweise des Szenarios erläutern müssten und vor allem im Hinblick auf die die Zukunft verengende Funktion des Szenarios? Ich möchte gerne nochmal auf die homogenisierende Eigenschaft des Szenarios eingehen, bevor wir dann auch nochmal über dagegenlaufende, vielleicht emanzipative Potenziale eines Szenarios sprechen?

Die Rede von der Digitalität als Zukunftstechnologie ist bereits der Beginn eines Szenarios und ist in diesem Sinne zukunftshomogenisierend, weil wir von einer Technologie sprechen, die unabweislich erscheint. Es ist unmöglich, selbst zu entscheiden, ob die Digitalisierung und vor allem die Art und Weise wie sie vorangetrieben wird und an welchen Stellen sie auf welche Weise ausformuliert wird, wünschenswert ist und ob man daran partizipieren will. Es ist praktisch unmöglich geworden, sich der Digitalisierung zu entziehen. 

In der Tat ist die Digitalisierung aber ja nichts, was einfach über uns gekommen wäre, und womit wir nun leben müssten. Es ist etwas, das wir selbst hergestellt haben und nun faktisch praktizieren. Es ist, worauf wir – zumindest auf dem zivilen Sektor – nur sehr ungern verzichten möchten. Dennoch denke ich, dass es viele sind, die sich die Frage stellen, warum über den lückenlosen Einsatz einer so weitreichenden Technologie nicht abgestimmt worden ist, bzw. wird. Die Unmöglichkeit, das Fortschreiten von Digitalität und die stärkere Integration von Mensch und Maschine zu kritisieren, würde ich klar als subtile Form der Horizont-Homogenisierung bezeichnen, denn es wird kaum möglich sein, darauf ästhetisch, ideell oder faktisch zu verzichten.

Ich würde mir wünschen, dass solche Szenarien anders besprochen würden, vor allem insofern es sich um gesellschaftsgestaltende Szenarien handelt, die uns im großen Stil beeinflussen.

Sie sprechen über Kolonisierung und Okkupation von Zukunft. Und es gibt ja auch heute noch die Anklage vor allem jüngerer Generationen, dass die Zukunft ‚ungerecht verteilt‘ ist. Es ist zum Beispiel der Bewegung Fridays for Future total klar, dass es andere Leute gibt, die mehr Macht über ihre Zukunft haben als sie selbst. Inwiefern werden da nicht rechtmäßige Ansprüche auf die Zukunft erhoben und inwiefern ist diese nicht tatsächlich ungerecht verteilt?

Also die FFF Bewegung hat es ja dankenswerter und auch bemerkenswerter Weise geschafft, ihre Stimme zu erheben und Gehör zu bekommen. Aber man kann auch hier sehr gut beobachten, dass die Arbeit mit Aufmerksamkeit die Währung geblieben ist, mit der man alles bezahlen und kaufen kann. Ich spreche von der Erlebnisfähigkeit politischer Inhalte: In dem Moment, da irgendeine Zukunft kampagnenfähig ist, kriegt sie Aufmerksamkeit. Dies ist selbstverständlich nichts, was der FFF Bewegung entgegenhalten werden könnte. Ich benenne dies als ein eher bedrückendes Indiz dafür, dass es nicht unbedingt die Bedeutsamkeit von Idealen oder Veränderungsbewegungen ist, die spielentscheidend wirkt, sondern deren Kampagnenfähigkeit. 

Schürfrechte an der Zukunft zu beanspruchen, ist immer Unrecht. Reklamieren von Zukunft ist meines Erachtens problematisch, wenn man sie für bestimmte Dinge verwenden möchte und eigene Zukunftsentwürfe über andere stellt. Das ist jedoch nicht das, was bei Fridays for Future passiert ist, die Aktivist*innen der Bewegung haben nicht ihren eigenen bestimmten Zukunftsentwurf über einen anderen gestellt, sondern kämpfen lediglich darum, dass – ganz existenziell – überhaupt eine Zukunft (für Menschen) übrigbleibt, über deren Gestaltung man diskutieren kann. Fridays for Future argumentiert zwar mit einer Rhetorik der Zukunft, übt jedoch wesentlich eine verantwortungsbewusste Kritik der Gegenwart. Um darauf aufmerksam zu machen, was mit der Zukunft angestellt werden kann, bietet die Gegenwart unglaublich viel Anlass. Was jetzt schon im Gange ist, ist schon gegenwärtig so fragwürdig und heikel, dass man eigentlich überhaupt nicht weiterzugucken braucht. Es reicht völlig, das zu betrachten, was ist. 

Ihr Buch heißt Wem gehört die Zukunft? Das würde ich jetzt eigentlich ganz gerne nochmal fragen: Wem gehört eigentlich die Zukunft? 

Die Zukunft gehört niemandem! Ich prononciere da eigentlich das gehören, diese seltsame Vorstellung, man könnte sich da irgendetwas zum Eigentum machen. Ich glaube, was einem wirklich gehört, und das ist eigentlich trivial, ist das, was schon erlebt worden ist. Es ist zu verstehen als Eigentum insofern, als für das, was angezettelt worden ist, Ursachen vorliegen, die man sich zuzuschreiben hat. Es ist kein Schürfrecht an der Zukunft, sondern eine Verantwortung, die erworben worden ist und die in begrenztem Maße bestimmbare Richtungen gelenkt werden kann. 

Kann das Szenario dann überhaupt auch als emanzipative Strategie eingesetzt werden? Ich möchte den Utopiebegriff noch einmal anbringen: Inwiefern sind auch positive Szenarien problematisch und was gibt es für andere Möglichkeiten, die Zukunft zu beeinflussen?

Al Gore und sein Bemühen, den Klimawandel ins Bewusstsein zu bringen, ist sicher ein positives Beispiel für den Einsatz eines ungeheuer umfassenden Szenarios. Das ist in wesentlichem sicher auch seiner Popularität geschuldet. Eigentlich und in den meisten Fällen aber ist ein Szenario als Produkt, also als meist emotional und visuell ansprechende Darstellung einer künftigen Realität, die mit Anspruch auf Wahrscheinlichkeit rezipiert wird, nie gänzlich unverdächtig. Die affizierende, bildgewaltige Inszenierung kommender Zeit hat kaum je einen anderen Zweck, als Menschen zu etwas zu bringen, wozu sie normalerweise nicht bereit wären.

Eine emanzipatorische Szenariotechnik fängt für mich da an, wo man sich gegen etwas wehrt. Man merkt, dass man eigentlich lieber in der Lage wäre, sich einem bestimmten Szenario, bzw. der daraus resultierenden Handlungsanleitung zu entziehen, als ihr zu entsprechen und sich somit in einer Art des Gehorsams zu üben. Dann wird klar: es gibt überhaupt keine andere Chance, man kann der digitalen, der transhumanistischen, der industriellen, der globalisierten usw. Zukunft nicht entrinnen. Im nächsten Schritt, bzw. in dem man einen Schritt zurück tritt, möchte man vielleicht ein Gegenszenario entwickeln und dann geht es los: man stellt fest, wie leicht es ist, sich derselben – nämlich szenariomatischer – Mitteln zu bedienen, um Menschen für das eigene, das andere, das vermeintlich bessere Projekt einzunehmen. Das mag daran liegen, dass wir eine gewisse – ja vielleicht wirklich populistische – Logik der Kampagne als gängiges Verfahren der Darstellung zu lange schon gewohnt sind. Wir nehmen die Form der Darstellung und was diese mit uns macht nicht mehr wahr als wesentlichen Teil einer eben nicht nur auf Fakten, sondern vor allem deren emotionaler Codierung beruhender und daher nicht ganz unproblematischer Art der politischen Willensbildung. Auch das ein aufmerksamkeitsökonomisches Phänomen.

Ich würde das Szenario gerne weniger kampagnenkonform und dafür performativer denken –ungehorsamer, weniger gefällig. Als etwas, das im Machen, im Gestalten von Leben, parallel zu den Modellierungen und dem quantifizierten Bauchgefühl versucht, einzuhaken und nicht im Sinne einer Einschwörung funktioniert. Das ist und bleibt mir etwas Verdächtiges. Auch wenn viele der Meinung sind, es brauche eine emotionale, eine affektiv wirksame Form des Entscheidens: Ich halte nicht viel davon, bei Fragen der Zukunftsgestaltung emotional affiziert zu werden. Ich glaube nicht, dass das Einschwören etwas ist, das praktiziert werden sollte, um Menschen – und sei es für etwas extrem Bedeutungsvolles – hinter sich zu versammeln. 

Wie unterscheidet sich dann Performativität von einem Szenario, oder was ist der Unterschied zwischen einem nicht-performativen Szenario und einem performativen? 

Ein performatives Szenario – kein Planspiel – verzichtet darauf, Modellrechnungen und Antizipationen zu einem kohärenten Bild oder einem geschlossenen Narrativ zusammenzusetzen. Es sucht weder, positivistisch zu quantifizieren, was der Fall ist, noch projiziert es einen wahrscheinlich wirklichen Worst Case, um zum Handeln zu nötigen. Der wesentliche Punkt scheint mir zu sein, dass es keine Geschlossenheit suggeriert. Das ist auch der große Unterschied zwischen einem Szenario und verschiedenen Formen von Kunst, die mit Als-Ob-Realitäten arbeiten: weil die Rahmensetzung nicht diesen Wahrscheinlichkeitsanspruch hat. Dazu tritt, wenn man an das Theater denkt, ein viel größerer Spielraum, sich mit dem Dargebotenen in ein Verhältnis zu setzen, es mit Bekanntem kurzzuschließen, zu modellieren, es kritisch zu reflektieren und – letztlich es anzunehmen oder zurückzuweisen.

Ich habe das Gefühl, unsere Generation hat mit Zukunft und Geschichte ein kleines Problem. Wenn 1989 von Fukuyama das Ende der Geschichte markiert wurde und in den 70er Jahren nach Franco Bifo Berardi eine slow cancellation of the future eingesetzt hat, befinden wir uns heute in einem sowohl geschichtslosen als auch zukunftslosen Raum. Hat diese ideologische Einengung – natürlich haben wir eine Geschichte, haben irgendwo auch eine Zukunft – dem Szenario nochmal eine neue Bedeutung gegeben? 

Vielleicht auch mit dem medialen Wandel verbunden: Inwiefern hat sich seit den Neunzigern nochmal etwas angefangen zu verändern? 

Ich glaube, dass mit dem Ende der Blockbildung auch eine bestimmte Sortierung der Welt geendet hat – nicht zuletzt durch die beidseitige atomare Bewaffnung, die einer permanenten Drohung, dem berühmten Patt, gleich kam. Mit dem Verschwinden dieses großen „Szenarios des roten Knopfes“, und auch mit dem Auflösen der großen Blöcke, hat sich das große Szenario in viele kleine aufgesplittert. Und in gewisser Weise ist dadurch auch eine Form der Ernüchterung eingetreten, weil aufgegeben worden ist, an diesen Ideologien festzuhalten: weil diese Ideologien aufgehört haben, von Bedeutung zu sein – außer in Transnistrien[2] vielleicht.

Vereinfacht gesagt: Damals gab es ganz offensichtlich Leute, die es anders gemacht haben, als die Leute hier, und das war eben zu akzeptieren. Man konnte dazu stehen wie man mochte, ob man einen ideologischen Kampf damit führte oder nicht, aber allein die Tatsache, dass es ganze Länder gab, die es anders machten, Kollektivismus lebten, andere Werte setzten, Abläufe anders strukturierten, Geschichte anders erzählten und so andere Lesarten von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft produzierten, ist ja schon ein weitreichend interessanter Umstand. In der Abwesenheit solcher offenkundig umkämpfter Ideologien wird es notwendig, sich einen Ersatz zu suchen. 

Szenarien werden umso stärker gebraucht, wo gesellschaftliche Narrative fehlen, denen man sich anschließen möchte oder mit denen man sich identifizieren kann. Mit dem Ausrufen einer „slow cancellation of the future“ erfährt das Szenario doppelte Aufmerksamkeit: Das Imaginative Potentielle anstelle des täglich politisch gelebten Systems. Es sind dann nicht große politische Axiome oder Doktrinen, die gelebt werden, sondern Formen eines amoklaufenden Individualismus, dem nicht ganz entgeht, dass er ins Leere läuft, und der sich daher umso stärker auf die Produktion von persönlichen Szenarien, Selbstinszenierungen und Narrativen des eigenen Lebens verlegt. Der Eifer gilt der Modifikation des Selbst im Sinne der Verwirklichung eines persönlichen Narrativs, nach der Maßgabe: it doesn´t matter who you are, but who you want to be.

Und ist dann sozusagen der Rückzug auf das Selbst, in dem das Ich zum Projekt der Selbstoptimierung wird, und zum Gegenstand der Narrativierung wird, die komplementäre Bewegung zum Szenario? Also wenn man kein großes gesamtgesellschaftliches Narrativ hat, versucht man sich selbst mithilfe eines Szenarios in ein Verhältnis zur Zukunft zu setzen? Geht eine solche Form der Selbstnarrativierung mit Formen der Selbstoptimierung einher? 

Ja, ich glaube die Ich-Narrativität im Sinne einer postfordistischen und kompletten Modifizierung des Selbst lässt sich mit einer Abwesenheit eines Narrativs auf gesamtgesellschaftlicher Ebene gut zusammenbringen. Selbstverständlich ist damit kein vollständiger Kausalzusammenhang angesprochen, aber das eine hat mit dem anderen zu tun. Dazu zähle ich auch das Öffentlichmachen und erlebnisfähige Inszenieren von Identität als konsumierbares Produkt auf YT. Das hat auch etwas mit Selbstoptimierung zu tun. Ich denke, dass hier ein Zusammenhang besteht. Wo keine Science-Fiction ist oder mindestens ein politisches Ziel, wuchert eben die personal-fiction.

Ein mangelndes politisches Narrativ wird dann ersetzt durch die Inszenierung des Einzigen, von dem man vermutet, es noch unter Kontrolle zu haben: der eigene Körper mit seiner Oberfläche, die zur Projektionsfläche eigener und fremder Bedürfnisse wird. 

Bedauerlich an einer solchen die Identität betreffenden Entäußerung ist eigentlich, dass sie sich verausgabt in nichts anderem als Rezeptionsfähigkeit, also darin, sich irgendwie zugänglich und verbrauchsfähig zu machen. Die entsprechenden YT-Formate hatte ich angesprochen. Das Entweichen des Selbst ins Bild zum Zweck der Konsumierbarkeit ist das Gegenteil einer wirklichen Verausgabung etwa im Sinne Georges Batailles, es ist eher ein Setzen von Simulacren des Selbst.

Haraway sagt, dass Science Fiction absolut notwendig ist, um quasi weiterhin möglichst viele Möglichkeiten des Lebens aufrechtzuerhalten. Haben Sie da so einen Trick, um sich immer wieder in Distanz zur Gegenwart und den aus der Gegenwart kommenden Zukunftsentwürfen und hier priorisierten Trends zu setzen? 

Ich lese viel Science Fiction, habe ich auch immer, und glaube auch, dass Haraway mit ihrem Apell keinesfalls falsch liegt und sie gebraucht wird. Aber J.G. Ballard mit seinem Statement: „Earth is the Alien Planet“ hat ebenfalls recht. Es gibt bereits gegenwärtig erkennbare, sehr befremdliche Entwicklungen – auch ohne Zukunft. Und um Distanz zu nehmen von den diskursbeherrschenden, Gehorsam gebietenden gegenwärtig in Umlauf befindlichen Szenarien, muss meines Erachtens kein Alternativszenario zur Verfügung stehen. Es würde reichen zu sagen: Nein, so will ich es nicht, ich suche nach einem anderen Weg. Das aber betrifft lediglich die eigene Einstellung. Bevor Parallelszenarien entwickelt werden, könnte auch der Blick in die Vergangenheit gerichtet werden, um zu gucken, was da passiert ist und mit welchen Narrativen man vom Gestern ins Heute gelangt ist. Es ist eine Frage intellektueller Nachhaltigkeit, des Recyclings, wenn Sie so wollen, sich zu fragen, was von dem, das wir bisher entwickelt haben, wir vielleicht morgen noch gebrauchen können. Ein Beispiel, das ein letztes Mal die ubiquitäre Digitalität und damit zugleich auch eine Form der Science-Fiction aufgreift: anstatt uns zu fragen, welche menschlichen Tätigkeiten künftig durch Robotik und maschinelle Autonomie ersetzt werden können, könnten wir uns fragen, welche Kulturleistungen dadurch verschwinden und welche Akte von Menschlichkeit dadurch unterbleiben und ob deren maschineller Ersatz eventuell keinen Zugewinn, sondern einen Verlust darstellt. 


[1] Siehe auch: RAND. Information Operations, weblink: https://www.rand.org/topics/information-operations.html. (10.10.2020)

[2] Ein aus Sezession von der Republik Moldau nach dem Zerfall der Sowjetunion hervorgegangenes Staatengebilde, wie auch Abchasien und Südossetien.

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